Kapitel 3 – Die Höhle
Der Weg zur Höhle führte nur ein kurzes Stück von der Straße weg. Xidar und Lixa gingen zwischen niedrigen Felsen hindurch. Der Oruz war auch von hier aus zu sehen. Hinter ihnen zog sich sein dunkler Hang in den Himmel, übersät mit Lichtern.
Noch bevor sie die Höhle sehen konnten, hörten sie ein kurzes Pfeifen.
Xidar blieb stehen.
Ein zweites Pfeifen folgte, diesmal etwas länger.
„Jetay“, sagte Lixa.
„Wer sonst.“
Sie gingen um einen größeren Felsen herum. Jetay war nicht in der Höhle, sondern stand einige Meter davor auf einem erhöhten Stein und schaute in Richtung Straße. Als er die beiden sah, sprang er herunter.
„Endlich.“
Xidar sah ihn schief an. „Wir sind pünktlich.“
„Fast.“
„Das ist auch pünktlich.“
Jetay grinste nur und ging vor ihnen in die Höhle.
Der Ort war nicht besonders groß. Weiter hinten lief Wasser über eine Felswand und sammelte sich in einer flachen Mulde, bevor es zwischen den Steinen wieder verschwand. Xidar und Lixa kannten die Höhle schon seit Jahren. Früher hatten sie hier gesessen, wenn sie nach der Schule nicht sofort nach Hause wollten. Später hatten sie mit den anderen versucht, Musik zu machen, geredet, gestritten und Pläne gemacht, die meistens spätestens am nächsten Morgen wieder vergessen waren.
Heute lagen vier Taschen auf dem Boden.
Sollte sich heute einer ihrer Pläne erfüllen?
Nira saß auf einem flachen Stein nahe der Wand. Ihre Tasche auf ihrem Schoß und beide Hände darumgelegt. Als Xidar und Lixa hereinkamen, lächelte sie kurz, wirkte dabei aber nicht besonders erleichtert.
Xidar sah sich um. „Die anderen?“
Jetay schüttelte den Kopf. „Nichts.“
„Dann haben sie selber schuld“, schnaufte Xidar.
Lixa setzte ihre Tasche ab. „Vielleicht kommen sie noch.“
Jetay blickte zum Eingang. „Dann sollten sie sich beeilen.“
Xidar sagte nichts dazu. Sechs hatten den Plan gemacht. Vier waren gekommen. Das gefiel ihr nicht, aber vier waren immer noch genug.
Lixa öffnete ihre Jacke und holte einen kleinen dunklen Chip hervor. Sie hielt ihn einen Moment zwischen zwei Fingern, bevor sie ihn Xidar reichte.
Jetay streckte ebenfalls die Hand aus.
Lixa sah ihn an. „Was?“
„Ich kann ihn auch nehmen.“
„Kannst du nicht.“
„Warum nicht?“
Lixa legte den Chip in Xidars Hand.
Jetay verzog das Gesicht.
Xidar steckte ihn sofort in eine Innentasche ihrer Jacke. „Ich kann damit umgehen.“
„So schwer ist das nicht. Nur weil ihr schon so lange befreundet seid“, sagte Jetay.
„Das auch.“
Der Chip gehörte Lixas Vater. Er flog regelmäßig die kleine Versorgungsfähre des Clans und brauchte ihn für den Zugang zum Hangar und zum Schiff. Lixa und Xidar waren schon oft mit ihm dort gewesen. Als Kinder hatten sie jede Gelegenheit genutzt, bei der sie mitdurften. Damals war der Hangar einfach ein interessanter Ort gewesen, an dem Dinge ankamen und wieder verschwanden.
Heute war er der wichtigste Teil ihres Plans.
Nira sah auf Xidars Jacke. „Und wenn er merkt, dass der Chip weg ist?“
„Dann sollten wir vorher weg sein“, sagte Xidar.
„Das meinte ich nicht.“
Xidar wusste, was sie meinte. Lixas Vater würde Ärger bekommen. Vielleicht nicht lange, aber sicher genug.
Lixa setzte sich neben Nira. „Ich habe den Ersatzchip genommen. Mein Vater wird es gar nicht merken.“
Jetay lehnte sich gegen die Wand. „Und dann sind wir hoffentlich nicht mehr hier.“
Nira sah ihn an, sagte aber nichts.
Für einen Moment wurde es ruhig. Nur das Wasser an der hinteren Wand war zu hören.
Dann deutete Lixa auf eine kleine Tasche, die Jetay neben sich abgelegt hatte. „Hast du das wirklich mitgenommen?“
Jetay öffnete sie ein Stück. Darin lag eines der Instrumente, mit denen sie seit Monaten immer wieder herumprobierten.
Xidar musste grinsen. „Du nimmst das mit?“
„Wir müssen doch den Song fertigbekommen. Und bald haben wir mehr Zeit“, sagte Jetay.
Lixa lachte. Selbst Nira musste kurz lächeln.
Sie hatten nie eine richtige Band gegründet. Es hatte keinen Namen gegeben, keine Auftritte und auch keinen ernsthaften Plan. Irgendwann hatten sie einfach angefangen, gemeinsam Musik zu machen, weil jeder von ihnen etwas anderes konnte.
Jetay war besonders gut darin, tiefe Klänge und Rhythmen so zu verändern, dass plötzlich alles größer wirkte. Lixa hatte ein gutes Gefühl dafür, wann etwas zusammenpasste. Xidar war die Stimme. Nira brachte meistens neue Texte oder Ideen mit und stritt sich anschließend mit allen darüber, was davon im Text bleiben sollte.
Heute war sie allerdings sehr ruhig.
Nira war erst später dazugekommen und mit dem Plan für diese Nacht nie wirklich einverstanden gewesen. Trotzdem war sie mitgekommen.
Der eine Song, an dem sie am längsten gearbeitet hatten, war bis heute nicht fertig.
„Was ist eigentlich damit?“, fragte Nira.
Xidar wusste sofort, welchen sie meinte.
Jetay hob sein Klanggerät etwas an. „Der Anfang steht.“
Xidar verdrehte die Augen.
Jetay grinste. „Lay. Yar. Rix.“
„Ja, ja.“
„Wir haben abgestimmt.“
„Ich weiß.“
„Und du hast verloren.“
Lay, Yar und Rix waren die drei Clans, aus denen sie kamen. Jetay gehörte zu Lay, Nira zu Yar. Xidar und Lixa waren beide Rix. Dass ausgerechnet Lay am Anfang ihres Songs zuerst genannt wurde, störte Xidar noch immer ein bisschen – auch wenn sie bei der Abstimmung selbst hatte zugeben müssen, dass es so besser klang.
Lixa schüttelte den Kopf. „Seit Monaten dieselbe Diskussion.“
„Lay muss trotzdem nicht zuerst kommen“, sagte Xidar.
„Doch“, sagte Jetay.
Nira lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. „Wenn wir wirklich weg sind, wird der Song nie fertig.“
Xidar sah auf die vier Taschen am Boden. „Auf dem Oruz wird er auch nicht fertig.“
Diesmal sagte niemand sofort etwas.
Der Berg war der Grund, warum sie überhaupt hier saßen. Am nächsten Morgen sollte für ihren Jahrgang der Aufzug beginnen. Ein Jahr in den höheren Regionen des Oruz. Andere Jugendliche freuten sich darauf. Manche Familien machten daraus ein großes Ereignis. Für andere gehörte es einfach dazu.
Xidar wollte weder das eine noch das andere.
Jetay stieß sich von der Wand ab. „Wir sollten den Plan noch mal durchgehen.“
Er hatte vorher bereits die Umgebung des Hangars erkundet. Es war typisch für ihn, dass er nicht einfach zum vereinbarten Treffpunkt kam, sondern vorher noch irgendwo herumkletterte und prüfte, ob alles so war, wie sie es sich vorgestellt hatten.
„Kaum Bewegung“, sagte er. „Ein paar automatische Lieferwagen. Ich habe niemanden am Eingang gesehen.“
„Und das Schiff?“, fragte Nira.
„Steht da.“
„Nur eins?“
„Wie immer.“
Xidar kannte die Fähre. Sie war kein besonderes Schiff. Sie brachte Post, kleinere Lieferungen und Menschen zwischen dem Oruz, regionalen Stationen und einigen nahen Zielen hin und her. Gerade deshalb hofften sie, dass niemand sie besonders gut bewachte.
Nira zog ihre Tasche näher zu sich. „Und wohin fliegen wir dann?“
Jetay sah sie an. „Das haben wir doch besprochen.“
„Wir haben über Geschichten gesprochen.“
Nira sah auf ihre Tasche. „Und wenn das wirklich nur Geschichten sind? Wir müssten doch nicht einmal von Drognien weg. In den Waldregionen gibt es auch keinen Aufzug.“
Jetay verzog das Gesicht. „Dann können wir ja gleich zu den Schweinenasen gehen.“
Lixa sah ihn an. „Sag nicht sowas.“
„Was denn?“
So nannten manche Jugendliche vom Oruz die Menschen aus den Waldregionen. Meistens war es gegenseitiger Spott. Die Waldleute hatten für die Bergclans schließlich auch ihre Namen.
Xidar grinste. „Du willst auch nicht, dass die uns Kloppköpfe nennen.“
Lixa musste lachen.
Nira nicht.
„Ich meine es ernst“, sagte sie. „Vielleicht wäre das wenigstens etwas, das wir kennen und keine Geschichte.“
Damit meinte sie den Mond.
Seit Generationen erzählten sich Jugendliche der Bergclans Geschichten über ihn. Dort oben gab es alte und neue Anlagen, Relaisstationen und andere Einrichtungen, von denen jeder in der Schule lernte. Trotzdem hielten sich hartnäckig andere Geschichten.
Immer wieder sollten Jugendliche kurz vor ihrem Aufzug dorthin abgehauen sein. Manche angeblich nur für ein paar Tage, andere für immer. Von einer alten Station aus, so hieß es, seien einige sogar weitergezogen.
Wohin genau, hing davon ab, wer die Geschichte erzählte.
Manche sprachen von Welten mit warmem Wasser und weiten Ebenen. Andere von grünen Hügeln, auf denen niemand nicht jeden Morgen einen Berg vor der Nase hatte. Irgendjemand kannte immer jemanden, dessen Bruder von jemandem gehört hatte, der wirklich dort gewesen sein sollte.
Nira sah zwischen ihnen hin und her. „Kennt einer von euch überhaupt jemanden, der wirklich zum Mond abgehauen ist?“
Jetay zuckte mit den Schultern. „Mein Cousin kennt einen aus dem Nordbereich, dessen Bruder—“
Lixa lachte. „Natürlich kennt dein Cousin jemanden.“
„Tut er.“
„Und dessen Bruder kennt bestimmt noch jemanden.“
Jetay wollte antworten, aber Xidar hob die Hand. „Ist doch egal.“
Alle sahen sie an.
Xidar zog den Riemen ihrer Tasche fester. „Selbst wenn da keiner ist, dann sind wir eben die Ersten.“
Jetay grinste.
Nira nicht.
Lixa betrachtete Xidar kurz und stand dann auf. „Dann sollten die Ersten langsam los.“
Sie nahmen ihre Taschen und gingen zurück zur Straße.
Dort nahmen sie sich Boards aus den Halterungen. Xidar nahm eines, Lixa das nächste. Jetay war schon unterwegs, bevor Nira überhaupt ihre Tasche richtig befestigt hatte.
„Natürlich“, murmelte Xidar und beschleunigte.
Jetay hörte sie offenbar trotzdem. „Zu langsam, Rix!“
Xidar zog an ihm vorbei. „Träum weiter, Lay.“
Lixa folgte ihnen mit etwas Abstand. Nira kam als Letzte.
Die Straße führte zunächst durch flacheres Gelände. Der Oruz blieb hinter ihnen sichtbar, doch die Häuser wurden seltener und die Abstände zwischen den Lichtern größer. Vor ihnen lag die Richtung zum Hangar.
Für einige Minuten sagte niemand etwas.
Dann hörte Xidar hinter sich: „Wartet mal.“
Sie bremste und drehte sich um.
Nira war stehen geblieben.
Lixa fuhr zu ihr zurück. Jetay zog einen größeren Bogen und kam ebenfalls wieder näher.
„Was ist?“, fragte Xidar.
Nira hatte beide Hände am Board und sah zu ihnen. „Ich kann das nicht.“
Niemand sagte etwas.
„Ich dachte, wenn wir erst mal losfahren, wird es besser“, fuhr sie fort. „Aber es wird nicht besser.“
Lixa stieg von ihrem Board. „Du musst nicht—“
„Doch.“ Nira schüttelte den Kopf. „Ich muss zurück.“
Jetay atmete hörbar aus. „Dann geh doch zu den Schweinenasen. Da musst du wenigstens nicht auf den Berg.“
Nira sah ihn an.
Der Spruch hätte an einem anderen Tag vielleicht irgendeine dumme Antwort bekommen.
Jetzt nicht.
Sie stieg wieder auf ihr Board und drehte es in Richtung Oruz.
„Nira“, rief Lixa ihr nach.
Nira hob kurz eine Hand, ohne sich umzudrehen, und fuhr weiter.
Lixa sah ihr hinterher, bis sie einige Meter entfernt war. Dann drehte sie sich zu Jetay.
„Musste das sein?“
Jetay sagte nichts. Sein Gesicht sah plötzlich weniger zufrieden aus als noch vor wenigen Sekunden.
Xidar blickte ebenfalls zu ihm. Sie wusste, dass der Spruch daneben gewesen war. Sie wusste auch, dass sie etwas hätte sagen können.
Tat sie aber nicht.
Hinter Nira wurden die Lichter des Oruz immer dichter, je näher sie wieder den Siedlungen kam.
Aus vier waren drei geworden.